Kinder werden selbstständiger
Erste Bilanz der Ganztagesklasse an der Feuchter Hauptschule
FEUCHT – Das Klassenzimmer sieht anders als üblich: Es stehen keine Bänke in festen Abständen herum sondern einzelne Tische sind kreuz und quer im Raum verteilt. Dazwischen entdeckt man Regale mit Fächern der Schüler und Stauraum für Arbeitsmaterialien. Eine Fensterbank dient als „Lösungsecke“, an der Wand hängt der Wochenplan „Wochenplan“ in der Ecke steht eine „Trink-Bar“. Nicht nur die Ausstattung der Ganztagsklassen in der Feuchter Hauptschule unterscheidet sich von einer „normalen“ Klasse, auch die Lernmethoden sind anders. Davon überzeugten sich Bürgermeister Konrad Rupprecht und Mitarbeiter seiner Verwaltung bei einem Besuch.
Montag bis Donnerstag werden die Fünftklässler der Ganztagesklasse bis 15.30 Uhr betreut, am Freitag bis 13 Uhr. Unterricht werden sie überwiegend von einem Lehrerinnen-Tandem, das Pia Pakaski und Elke Winter gleichberechtigt bilden. Stundenweise werde sie von der Förderlehrerin Jutta Dorner unterschützt – vorläufig aber erst einmal nur in diesem Schuljahr.
Dabei hat sich bereits gezeigt, wie wichtig diese Hilfe für die zwei Lehrerinnen ist. So führen die beiden in jeder Woche Einzelgespräche mit ihren Schülern. Sie erkundigen sich dabei, ob die Kinder mit der Wochenplanarbeit zurechtkamen. „was haben sie geschafft, was sie ihnen schwer gefallen“, beschreibt Pia Pakaski. Das sei zeitlich aber nur in Anwesenheit der Förderlehrerin machbar.
In der Ganztagesklasse gibt es keine festen Unterrichtsfächer. Nicht der übliche 45-Minuten-Takt bestimmt den Lernhythmus. Unterrichtsinhalte,. Methoden und Bedürfnisse der Kinder gliedern das Lernen.
Am Freitag ab 13 Uhr erstellen die beiden Lehrerinnen den Plan für die nächste Woche in den Kernfächern Deutsch, Mathe und sonstigen Gebieten wie Englisch oder Werken / Textiles Gestalten. Zumeist gibt es zu Beginn eines neuen Themas eine gemeinsame Einführung von maximal 20 Minuten, dann widmen sich die Kinder den Lernmaterialien. In der so genannten Arbeitsphase lernen die Ganztagesschüler selbstständiger als andere. Der sonst übliche „Frontalunterricht“, bei dem der Lehrer vor der Klasse steht und sein Wissen vermittelt, ist hier passé. „Die Kinder werden selbstständiger und lernen, sich selbst zu organisieren“, beschreibt Pakaski die Zielsetzung.
Nicht nur die 22 Kinder darunter zwei Altdorfer , an deren Hauptschule die Ganztagesklasse bereits voll war, mussten sich an diese Abläufe erst gewöhnen, auch die Lehrerinnen betraten hiermit Neuland. „Die ersten drei Wochen waren schon sehr anstrengend, aber jetzt läuft es. Es ist erstaunlich , wie gut die Schüler damit zurechtkommen“, stellt die Pädagogin fest.
Gemeinsam mit ihren Kollegin will sie ihren Schützlingen Arbeitsweisen vermitteln, damit diese den Lernstoff verinnerlichen und „nicht nur mechanisch lernen“. Die Kinder mussten sich unter anderem daran gewöhnen, dass immer wieder einer ihren Mitschüler im Raum herumläuft, um sich Lösungen anzusehen oder sich Material zu holen. „Wir haben ihnen erklärt, dass sie ,Scheuklappen’ entwickeln müssen , um sich zu konzentrieren “, so Pakaski.
Hausaufgaben gibt es üblicherweise in der Ganztagesklasse nicht. Alle Arbeiten werden in der Schule erledigt. Lediglich wenn ein Kind zusätzlichen Lernbedarf hat, kann es sich am Wochenende oder am Nachmittag zu Hause mit dem Stoff noch mal beschäftigen. „Dieser Wunsch kommt zumeist von den Schülern und nicht von uns. Das läuft toll“, Stellt die Lehrerin fest.
Durch die Tandem-Lösung hat sie die Möglichkeit, auch mal in kleineren Gruppen in der Klasse zu arbeiten. So übt Pakaski zwischendurch mit fünf bis zehn Schülern Englisch. „Jedes Kind kommt dabei mehrfach daran, keines kann sich verstecken.“
Ein wichtiger Baustein ist das soziale Lernen. So werden jeden Tag zwei „Helferkinder“ gelost, die unter anderem den Tisch in der Mensa decken und hinterher abwischen. Ist ein Mitschüler krank, rufen sie die örtliche Metzgerei an, die das Mittagessen von Montag bis Donnerstag liefert, um eine Portion abzubestellen.
Die Mensa ist im Untergeschoss der Hauptschule untergebracht. Der Speiseplan ist abwechslungsreich gestaltet. So gab es am Tag des Bürgermeister-Besuches Geschnetzeltes mit Reis und Salat, ein anderes Mal wurden eine Suppe und Apfelküchle aufgetischt. Teller und Besteck müssen die Kinder nach dem Essen zu einem Geschirrwagen tragen. Ordnung muss schließlich sein. Das gilt auch für den Gruppenraum, in dem sich die Ganztagsklassen treffen kann.
Für dessen Ausstattung spendete die Bäckerei „Der Beck“ 1000 Euro, erzählte Daniela Rosenkranz, die im Feuchter Rathaus für die Jungendeinrichtungen zuständig ist. Die Mensa ist groß genug, um ihm kommenden Schuljahr eine neue fünfte Klasse aufzunehmen, Ab den beiden folgenden Jahrgängen müssten die Kinder in zwei Schichten essen, blickt Schulleiter Friedrich Liebel in die Zukunft. Dann wird der Markt Feucht wohl eine größere Mensa bauen müssen. Erste Überlegungen dazu gibt es bereits, bestätigte Bürgermeister Konrad Rupprecht. Von konkreten Beschlüssen will die Gemeinde aber die Entwicklungen in der angrenzenden Grundschule abwarten, denn auch dort sind Ganztagsklassen ein Thema.
Für die Klasse an der Hauptschule gibt es zwei mal in der Woche in Zusammenarbeit mit dem Kreisjungendring und örtlichen Vereinen sportliche, musische und künstlerische Angebote, als feste Bestandteile des Stundenplans. In diesem Schuljahr konnten die Ganztagsschüler zwischen dem Jugendzentrum, Tanzen, Bogenschießen, Handball, Teakwondo und einer Kunstwerkstadt wählen. Weitere Sparten kommen ab Herbst 2010 hinzu.
Die ersten Ganztagsschüler an der Feuchter Hauptschule sind mit ihren Räumen sehr zufrieden, bestätigte Rupprecht im Gespräch. Auch gefällt ihnen die Unterrichtsgestaltung, die aufgelockerter als üblich ist. Ein Mädchen erkundigte sich, warum die Klasse vier mal in der Woche bis 15:30 Uhr in der Schule sein muss. „Weil es Ganztagsklasse heißt“, antwortete der Rathauschef schmunzelnd. Angesichts zusätzlicher Sport und Kunstangeboten sei es aber doch gut zu ertragen. Und das Essen schmeckt auch, wie die Fünftklässer nach der Mensa-Aufenthalt feststellten.
Liebel nützte die Gelegenheit, um dem Markt Feucht für die Unterstützung bei der Ausstattung der Ganztagsklasse zu danken. Außerdem stellte er das große Engagement der beiden Lehrerinnen heraus, die während der Sommerferien passende Mobiliar und Lernmaterialen ausgewählt hatten. Konzept und Ausstattung der Feuchter Ganztagesklasse beeindruckten auch die Zuständigen bei der Regierung von Mittelfranken. Alle mittelfränkischen Lehrkräfte, an deren Schulen in diesem Jahr Ganztagesklassen eingeführt wurden sind daher zu einer Fortbildung an der Hauptschule eingeladen.
Text: Martina Rüsing (aus "Der Bote" vom 18.12.2009)
Foto: Werner Klein